Glaukom-Vorsorge: sinnvoll oder nicht?

Glaukom-Vorsorge: sinnvoll oder nicht?

Die Glaukom-Vorsorge müssen Sie in Deutschland selbst bezahlen. Ob sie sinnvoll ist, beantworten Augenärzte und Krankenkassen seit Jahren unterschiedlich. Dieser Text erklärt, was bei der Untersuchung geschieht, warum die Urteile auseinandergehen und woran Sie erkennen, ob sich der Termin für Sie lohnt.

Warum ein Glaukom lange unbemerkt bleibt

Ein Glaukom tut nicht weh. Es beginnt am Rand des Gesichtsfelds, nicht in der Mitte. Fällt auf einem Auge ein Bereich aus, gleicht ihn das andere Auge meist aus. Deshalb bemerken Betroffene lange nichts.

Schuster und Kollegen fassten 2020 im Deutschen Ärzteblatt die Datenlage zusammen. In Europa liegt die Häufigkeit bei Menschen zwischen 40 und 80 Jahren bei 2,93 Prozent. Sie steigt mit dem Alter deutlich an: von 0,4 Prozent in der Gruppe der 40- bis 44-Jährigen auf 2,7 Prozent bei den 70- bis 74-Jährigen und auf 10 Prozent bei den über 90-Jährigen.

Die gleiche Übersicht nennt eine Zahl, die das Problem beschreibt. Bei einem Drittel der Betroffenen ist die Erkrankung zum Zeitpunkt der Diagnose an mindestens einem Auge bereits fortgeschritten. Verlorene Nervenfasern kommen nicht zurück. Woran die Forschung dazu arbeitet, steht in unserem Beitrag über Ansätze zur Regeneration von Nervenzellen im Auge.

Was bei der Glaukom-Vorsorge untersucht wird

Die deutschen augenärztlichen Fachgesellschaften beschreiben einen Mindestumfang. Dazu gehören das Gespräch über Vorgeschichte und Risiken, die räumliche Beurteilung des Sehnervenkopfs und der Nervenfaserschicht, die Messung des Augeninnendrucks und eine Untersuchung an der Spaltlampe.

Der Augeninnendruck wird in Millimeter Quecksilbersäule angegeben, kurz mmHg. Werte über 21 mmHg gelten als auffällig. Auffällig heißt nicht krank: Viele Menschen mit erhöhtem Druck entwickeln nie ein Glaukom.

Was die einzelnen Untersuchungen zeigen

  • Augenspiegelung des Sehnervenkopfs — zeigt die Veränderung am Sehnerv selbst, also den Befund und nicht nur einen Risikofaktor.
  • Messung des Augeninnendrucks — erfasst einen Risikofaktor, keinen Schaden. Ein Wert im Normbereich schließt ein Glaukom nicht aus.
  • Optische Kohärenztomografie, kurz OCT — vermisst die Dicke der Nervenfaserschicht und eignet sich, um Veränderungen über die Jahre zu vergleichen.
  • Messung der Hornhautdicke, Pachymetrie — ordnet den Druckwert ein, weil die Hornhaut mitbestimmt, was das Messgerät anzeigt.
  • Gesichtsfeldmessung, Perimetrie — findet Ausfälle, die der Betroffene selbst noch nicht bemerkt.

Der IGeL-Monitor nennt für die Kombination aus Augenspiegelung und Druckmessung Kosten von in der Regel 20 bis 40 Euro. Eine OCT kommt dort separat mit 90 bis 140 Euro vor. Welche dieser Leistungen Ihr Termin enthält, steht selten im Voraus fest. Es lohnt sich, danach zu fragen. Eine Vorlage dafür finden Sie in unserer Checkliste für den Arzttermin bei Glaukom.

Was die Augeninnendruckmessung übersieht

Hier liegt der Kern der Debatte. Die Druckmessung ist die bekannteste Untersuchung der Vorsorge und zugleich die schwächste.

Chan und Kollegen werteten 2021 im British Journal of Ophthalmology die EPIC-Norfolk Eye Study aus, eine britische Bevölkerungsstudie. Unter 314 Teilnehmern mit einem Offenwinkelglaukom waren 107 zuvor nicht diagnostiziert, also gut ein Drittel. Von diesen 107 unentdeckten Fällen hatten 84,1 Prozent einen Augeninnendruck von 21 mmHg oder darunter. Ein niedrigerer Druck war statistisch mit einer nicht gestellten Diagnose verbunden.

Anders gesagt: Wer nur den Druck misst, findet vor allem die Fälle, die ohnehin auffallen. Die unentdeckten Glaukome haben mehrheitlich normale Druckwerte. Fachleute sprechen dann vom Normaldruckglaukom. Der Schaden am Sehnerv entsteht hier vermutlich über die Durchblutung, nicht über den Druck.

Dazu kommt eine Messungenauigkeit. Die Dicke der Hornhaut beeinflusst den abgelesenen Wert, eine dünne Hornhaut kann ihn zu niedrig erscheinen lassen. Schuster und Kollegen ordnen diesen Effekt allerdings ein: Er fällt nur bei sehr großen Abweichungen ins Gewicht, und Umrechnungsformeln haben sich in der Praxis nicht bewährt. Was Sie sonst noch über den Augeninnendruck wissen sollten, steht in unserem Beitrag Augendruck senken mit Hausmitteln.

Der Befund am Sehnervenkopf ist deshalb der wichtigere Teil der Untersuchung.

Warum die Urteile auseinandergehen

Der IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes bewertet die Glaukom-Früherkennung als „tendenziell negativ". Stand der Bewertung ist der 12. Dezember 2019. Begründung: Das Team fand keine Studien, die einen Nutzen bei beschwerdefreien Personen zeigen. Gleichzeitig sieht es Hinweise auf Schaden durch Fehlalarme und Überdiagnosen. Die OCT zur Früherkennung bewertet der IGeL-Monitor ebenso.

Die US-amerikanische Preventive Services Task Force kam 2022 im Fachblatt JAMA zu einem ähnlichen Schluss. Sie stuft die Evidenz als nicht ausreichend ein, um Nutzen und Schaden gegeneinander abzuwägen. Die Genauigkeit der Tests sei belegt, der Nutzen für das Sehvermögen nicht.

The evidence is insufficient to assess the balance of benefits and harms of screening for glaucoma in adults.

US Preventive Services Task Forceunabhängiges Expertengremium für Präventionsempfehlungen in den USA · JAMA 2022; 327(20): 1992–1997

Die deutschen Fachgesellschaften empfehlen die Untersuchung trotzdem ab dem 40. Lebensjahr. Auch sie räumen ein, dass eine randomisierte Studie zum Screening fehlt. Schuster und Kollegen nennen außerdem eine Falsch-positiv-Rate von über 65 Prozent, bei jüngeren Menschen noch höher. Jeder auffällige Befund muss also nachuntersucht werden.

Beide Seiten bewerten nicht dasselbe. Der IGeL-Monitor prüft den Nutzen für beschwerdefreie Menschen ohne besonderes Risiko. Die Leitlinie staffelt nach Risikofaktoren und empfiehlt engere Abstände, je mehr davon zutreffen. Die Frage „ist die Glaukom-Vorsorge sinnvoll" hat deshalb keine allgemeine Antwort. Sie hat eine Antwort pro Person.

Was die Behandlung nach einer Diagnose bringt

Für die Behandlung ist die Datenlage besser als für das Screening. Garway-Heath und Kollegen berichteten 2015 im Lancet über die UK Glaucoma Treatment Study. In dieser randomisierten, placebokontrollierten Studie erhielten 516 neu diagnostizierte Patienten über 24 Monate entweder drucksenkende Augentropfen oder ein Placebo.

In der Behandlungsgruppe blieb das Gesichtsfeld länger stabil. Die Autoren berichteten ein Hazard Ratio von 0,44, mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,28 bis 0,69 und einem p-Wert von 0,0003. Der Augeninnendruck sank nach 24 Monaten im Mittel um 3,8 mmHg, in der Placebogruppe um 0,9 mmHg.

Für Menschen mit erhöhtem Druck, aber ohne Glaukom, nennt die Übersicht von Schuster und Kollegen eine weitere Zahl. Eine Drucksenkung um 22,5 Prozent verringerte das Fünf-Jahres-Risiko, ein Offenwinkelglaukom zu entwickeln, von 9,5 auf 4,4 Prozent.

Diese Zahlen betreffen die Behandlung, nicht die Suche. Sie zeigen, dass ein gefundenes Glaukom behandelbar ist. Sie zeigen nicht, dass eine Reihenuntersuchung bei Beschwerdefreien unterm Strich mehr nützt als schadet. Genau diese Lücke meinen IGeL-Monitor und Task Force.

Für wen die Vorsorge am ehesten sinnvoll ist

Die aktualisierte Leitlinie von DOG und BVA staffelt nach Risiko. Ohne zusätzliche Risikofaktoren empfiehlt sie die Untersuchung zwischen 40 und 59 Jahren alle fünf Jahre, ab 60 Jahren alle zwei bis drei Jahre. Kommt ein Risikofaktor dazu, verkürzt sich der Abstand. Bei drei oder mehr Risikofaktoren rät die Leitlinie zur jährlichen Untersuchung.

Als Risikofaktoren nennt sie unter anderem Verwandte ersten Grades mit einem Glaukom, einen erhöhten Augeninnendruck, eine Kurzsichtigkeit ab minus vier Dioptrien sowie bestimmte Veränderungen an Linse und Kammerwinkel. Schuster und Kollegen ergänzen das zunehmende Alter und die Herkunft: Bei Menschen afrikanischer Abstammung tritt ein Glaukom etwa 2,8-mal so häufig auf wie bei Menschen europäischer Abstammung.

Rauchen gilt als veränderbarer Risikofaktor für mehrere Augenerkrankungen. Was dazu untersucht wurde, lesen Sie in unserem Beitrag über Rauchen, AMD und Glaukom. Wie sich Befunde und Laborwerte einordnen lassen, behandelt unser Beitrag zur Blutuntersuchung bei Makuladegeneration und Glaukom.

Wonach Sie vor dem Termin fragen können

Drei Fragen, die den Preis und den Nutzen des Termins klären

  • Welche Untersuchungen sind im Preis enthalten? Druckmessung allein, Druckmessung mit Beurteilung des Sehnervenkopfs oder zusätzlich eine OCT: Das sind drei verschiedene Leistungen mit drei verschiedenen Preisen.
  • Werden meine Risikofaktoren berücksichtigt? Glaukom in der Familie, Kurzsichtigkeit ab minus vier Dioptrien oder ein früher erhöht gemessener Druck ändern den empfohlenen Abstand.
  • Was passiert bei einem auffälligen Befund? Ein auffälliger Wert ist keine Diagnose. Fragen Sie, welche Nachuntersuchung folgt und was sie kostet.

Häufige Fragen

Zahlt die Krankenkasse die Glaukom-Vorsorge?

Nein. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Untersuchung bei Beschwerdefreien nicht. Sie gilt als individuelle Gesundheitsleistung und wird privat abgerechnet. Besteht ein konkreter Verdacht oder eine Vorerkrankung, ist die Abrechnung eine andere. Fragen Sie in dem Fall vorher in der Praxis nach.

Ab welchem Alter ist eine Glaukom-Vorsorge sinnvoll?

Die deutschen augenärztlichen Fachgesellschaften empfehlen, die Untersuchung ab dem 40. Lebensjahr anzubieten. Ohne weitere Risikofaktoren sehen sie zwischen 40 und 59 Jahren einen Abstand von fünf Jahren vor, ab 60 Jahren zwei bis drei Jahre. Wer Angehörige ersten Grades mit einem Glaukom hat, sollte früher und häufiger zur Kontrolle.

Reicht die Messung des Augeninnendrucks allein aus?

Nein. In der EPIC-Norfolk Eye Study hatten 84,1 Prozent der zuvor unentdeckten Offenwinkelglaukome einen Augeninnendruck von 21 mmHg oder darunter. Ein unauffälliger Druckwert ist also keine Entwarnung. Die Beurteilung des Sehnervenkopfs gehört dazu.

Ist eine OCT-Untersuchung ihr Geld wert?

Das lässt sich pauschal nicht sagen. Die OCT misst die Dicke der Nervenfaserschicht objektiv und eignet sich gut, um Veränderungen über die Jahre zu vergleichen. Einen Nutzennachweis für die reine Früherkennung sieht der IGeL-Monitor nicht und bewertet sie als tendenziell negativ. Bei bestehendem Verdacht oder zur Verlaufskontrolle wird sie anders eingeschätzt.

Tut die Untersuchung weh?

Die Druckmessung geschieht nach Betäubung mit Augentropfen und ist in der Regel schmerzfrei. Der IGeL-Monitor nennt als mögliche direkte Nachteile Reizungen und kleine Verletzungen der Hornhaut, weil das Messgerät die Augenoberfläche berührt. Berührungsfreie Verfahren wie die OCT haben dieses Problem nicht.

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Quellen
  1. Schuster AK, Erb C, Hoffmann EM, Dietlein T, Pfeiffer N: The Diagnosis and Treatment of Glaucoma. Deutsches Ärzteblatt International 2020; 117: 225–34. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0225 (abgerufen am 21.09.2026)
  2. Chan MPY, Khawaja AP, Broadway DC et al.: Risk factors for previously undiagnosed primary open-angle glaucoma: the EPIC-Norfolk Eye Study. British Journal of Ophthalmology 2021. DOI: 10.1136/bjophthalmol-2020-317718 · Volltext (abgerufen am 21.09.2026)
  3. Garway-Heath DF, Crabb DP, Bunce C et al.: Latanoprost for open-angle glaucoma (UKGTS): a randomised, multicentre, placebo-controlled trial. The Lancet 2015; 385: 1295–1304. DOI: 10.1016/S0140-6736(14)62111-5 (abgerufen am 21.09.2026)
  4. US Preventive Services Task Force: Screening for Primary Open-Angle Glaucoma. Recommendation Statement. JAMA 2022; 327(20): 1992–1997. DOI: 10.1001/jama.2022.7013 · Volltext (abgerufen am 21.09.2026)
  5. Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft und Berufsverband der Augenärzte Deutschlands: Bewertung von Risikofaktoren zur Entstehung des Offenwinkelglaukoms. S2e-Leitlinie, AWMF-Registernummer 045-015, Fassung 2024. Leitlinientext (abgerufen am 21.09.2026)
  6. IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes Bund: Augenspiegelung mit Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung. Stand 12.12.2019. Bewertung (abgerufen am 21.09.2026)
  7. IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes Bund: OCT zur Früherkennung eines Glaukoms. Stand 30.08.2019. Bewertung (abgerufen am 21.09.2026)
Michaela Noll
Über die Autorin
Michaela Noll

Gründerin und Geschäftsführerin von Augenakupunktur Noll und EYKÄR. Staatlich geprüfte Heilpraktikerin und Absolventin der Heilpraktikerschule Dr. Jung in Kronberg (Taunus). Zertifizierte Akupunkteurin nach Prof. John Boel.