Oxidativer Stress im Auge: Was dahintersteckt

Frau sitzt erschöpft am Schreibtisch vor einem Bildschirm mit Tabellenkalkulation und reibt sich das Auge

Zur Einordnung. Für mehrere Nährstoffe ist die Aussage zulässig, sie trügen dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen. Welche das sind, steht weiter unten. Zu allen anderen hier genannten Stoffen gibt dieser Beitrag ausschließlich veröffentlichte Forschung wieder, keine Wirkaussage.

Oxidativer Stress taucht in fast jedem Text über Augengesundheit auf und wird selten erklärt. Dieser Beitrag holt das nach: was im Gewebe passiert, warum ausgerechnet die Netzhaut betroffen ist, welche Nährstoffe dazu eine in der EU zugelassene Aussage tragen und was die Forschung dazu berichtet.

Was oxidativer Stress ist

Jede Zelle, die Energie gewinnt, erzeugt dabei reaktive Sauerstoffverbindungen: Moleküle, denen ein Elektron fehlt und die es sich von der nächstbesten Struktur holen, etwa einer Zellmembran, einem Eiweiß oder dem Erbgut. Umgangssprachlich heißen sie freie Radikale.

Das ist zunächst kein Problem, denn der Körper hält ein Gegengewicht bereit: körpereigene Enzyme und zugeführte Antioxidantien fangen diese Moleküle ab, bevor sie Schaden anrichten. Oxidativer Stress ist der Zustand, in dem dieses Gleichgewicht kippt, weil mehr reaktive Verbindungen entstehen, als abgefangen werden.

Nicht die freien Radikale selbst sind das Problem, sondern das Missverhältnis zwischen ihnen und dem, was sie abfängt.

Warum die Netzhaut besonders betroffen ist

Drei Eigenschaften kommen in der Netzhaut zusammen, die sie für oxidative Prozesse anfällig machen. Sie ist dauerhaft belichtet, und Licht ist Energie, von der ein Teil in chemische Reaktionen übergeht, kurzwelliges blaues Licht mehr als langwelliges rotes. Sie verbraucht außergewöhnlich viel Sauerstoff, denn die Photorezeptoren gehören zu den stoffwechselaktivsten Zellen des Körpers, und wo viel Sauerstoff umgesetzt wird, entstehen auch viele reaktive Verbindungen. Und ihre Membranen bestehen aus besonders empfindlichen Fettsäuren: Die Außensegmente der Photorezeptoren sind reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, allen voran Docosahexaensäure, und genau deren Doppelbindungen sind die Angriffspunkte, an denen Oxidation ansetzt.

Krinsky, Landrum und Bone trugen 2003 in einer vielzitierten Übersichtsarbeit zusammen, wie das Auge dem begegnet: Lutein und Zeaxanthin lagern sich gezielt im Zentrum der Netzhaut ein, absorbieren dort kurzwelliges Licht, bevor es die empfindlichen Sehzellen erreicht, und reagieren zusätzlich direkt mit reaktiven Sauerstoffverbindungen. Mehr zu diesem Mechanismus im Forschungsarchiv: Biologische Mechanismen der Schutzfunktion von Lutein und Zeaxanthin für das Auge.

Welche Nährstoffe eine zugelassene Angabe tragen

Die Europäische Union lässt für sieben Nährstoffe die Angabe zu, sie trügen dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen: Vitamin C, Vitamin E, Riboflavin, Selen, Zink, Kupfer und Mangan. Der Wortlaut ist für alle sieben identisch und gilt allgemein für Zellen, nicht speziell für Augenzellen.

Zugelassene Angabe „trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen“ (Verordnung (EU) Nr. 432/2012)

  • Vitamin C — EFSA Journal 2010;8(10):1815
  • Vitamin E — EFSA Journal 2010;8(10):1816
  • Riboflavin (Vitamin B2) — EFSA Journal 2010;8(10):1814
  • Selen — EFSA Journal 2009;7(9):1220 und 2010;8(10):1727
  • Zink — EFSA Journal 2009;7(9):1229
  • Kupfer — EFSA Journal 2009;7(9):1211
  • Mangan — EFSA Journal 2009;7(9):1217

Für Lutein, Zeaxanthin, Astaxanthin, OPC, Fucoidan und die meisten anderen Pflanzenextrakte gibt es dagegen keine zugelassene Angabe, obwohl sie in Studien im Zusammenhang mit oxidativen Prozessen im Auge untersucht werden. Über sie lässt sich wiedergeben, was die Forschung zeigt, aber keine Wirkung behaupten.

Was die Forschung berichtet

Sechs Arbeiten aus dem EYKÄR-Forschungsarchiv befassen sich direkt mit oxidativem Stress im Auge oder mit dem Gegenbeispiel, das zur Vorsicht mahnt.

Arbeiten zu oxidativem Stress im Auge im EYKÄR-Forschungsarchiv

  • 2013, Zellmodell, GlaukomZhao und Kollegen berichteten eine geringere Rate an Zelluntergang bei retinalen Ganglienzellen unter oxidativem Stress.
  • 2020, Glaukom-Mausmodell (DBA/2J)Li und Kollegen beschrieben einen Schutz retinaler Ganglienzellen durch Hemmung von oxidativem Stress und mitochondrialen Veränderungen.
  • 2019, Zellstudie, NetzhautpigmentepithelDörschmann und Kollegen berichteten, dass Fucoidane aus fünf Braunalgenarten oxidativen Stress verringerten und VEGF-Signalwege beeinflussten.
  • 1995, ÜbersichtsarbeitSnodderly trug zusammen, dass niedrige Plasmaspiegel von Carotinoiden und antioxidativen Vitaminen mit einem erhöhten Risiko für Makuladegeneration einhergingen.
  • 2001, randomisiert, placebokontrolliert — Die AREDS-Forschungsgruppe (Bericht Nr. 9) fand keinen Einfluss hochdosierter Antioxidantien auf Entstehung oder Fortschreiten altersbedingter Linsentrübungen.

Die ersten drei Arbeiten zeigen in Zell- und Tiermodellen, dass bestimmte Pflanzenstoffe oxidativen Stress in Netzhautzellen messbar verringern. Das sind Mechanismusstudien: Sie erklären, was im Labor passiert, nicht, ob eine Ergänzung im Alltag einen Krankheitsverlauf verändert.

Der letzte Eintrag verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil er dem gängigen Bild widerspricht. Die AREDS-Forschungsgruppe berichtete 2001 in einer randomisierten, placebokontrollierten klinischen Studie, dass eine hochdosierte Supplementierung mit Vitamin C, Vitamin E und Beta-Carotin die Entstehung oder das Fortschreiten von Katarakten nicht beeinflusste. Hochdosierte Antioxidantien sind also kein Selbstläufer: Dass ein Stoff im Labor oxidativen Stress mindert, ist etwas anderes als der Nachweis, dass eine Ergänzung im Alltag einen Krankheitsverlauf ändert.

Was oxidativen Stress im Alltag erhöht

Die Forschung nennt einige Faktoren immer wieder, und sie sind die unspektakulärsten von allen. Rauchen gilt als der am besten belegte vermeidbare Risikofaktor für altersbedingte Makuladegeneration; dazu gibt es im Magazin den Beitrag Rauchen, AMD und Glaukom. Anhaltend hoher Blutzucker greift über mehrere Wege in Gefäß- und Zellfunktion ein, dem geht der Beitrag Zucker, die süßeste Gefahr für die Augen nach. Und intensive UV-Belastung ohne Schutz: Eine Sonnenbrille mit geprüftem UV-Filter ist die einfachste Maßnahme in dieser ganzen Aufzählung.

Auf der anderen Seite der Rechnung steht eine Ernährung, die reich an farbintensivem Gemüse, Blattgemüse und Nüssen ist. Das ist keine spektakuläre Empfehlung, aber es ist die, die in Kohortenstudien wie der von Snodderly ausgewerteten immer wieder auftaucht.

Häufige Fragen

Was ist oxidativer Stress?

Ein Zustand, in dem im Gewebe mehr reaktive Sauerstoffverbindungen entstehen, als der Körper abfangen kann. Diese Moleküle können Zellmembranen, Eiweiße und Erbgut angreifen. Problematisch ist nicht ihr Vorhandensein, sondern das Missverhältnis.

Warum ist das Auge besonders betroffen?

Drei Dinge kommen zusammen: Die Netzhaut ist dauerhaft belichtet, sie verbraucht außergewöhnlich viel Sauerstoff, und ihre Membranen bestehen aus mehrfach ungesättigten Fettsäuren, die für Oxidation besonders anfällig sind.

Welche Nährstoffe dürfen mit Schutz vor oxidativem Stress beworben werden?

In der EU ist die entsprechende Angabe für Vitamin C, Vitamin E, Riboflavin, Selen, Zink, Kupfer und Mangan zugelassen. Für Lutein, Zeaxanthin, Astaxanthin und die meisten Pflanzenextrakte gibt es keine zugelassene Angabe.

Helfen hochdosierte Antioxidantien?

Die Studienlage ist uneinheitlich. Der AREDS-Bericht Nr. 9 fand für hochdosierte Antioxidantien keinen Einfluss auf die Entstehung altersbedingter Linsentrübungen. Laborstudien beschreiben Mechanismen, randomisierte Studien prüfen Endpunkte, und beides führt hier zu unterschiedlichen Antworten.

Was erhöht oxidativen Stress im Alltag?

Rauchen gilt als der am besten belegte vermeidbare Risikofaktor für altersbedingte Makuladegeneration. Dazu kommen anhaltend hoher Blutzucker und intensive UV-Belastung ohne Schutz.

Quellen
  1. Zhao Y, Liu X, Lv H et al. (2013): Oligomeric proanthocyanidin protects retinal ganglion cells against oxidative stress-induced apoptosis. PMC · Zusammenfassung im Forschungsarchiv
  2. Li L, Geng X, Tian L, Wang D et al. (2020): Grape seed proanthocyanidins protect retinal ganglion cells by inhibiting oxidative stress and mitochondrial dysfunction. PubMed · Zusammenfassung im Forschungsarchiv
  3. Dörschmann P, Bittkau KS, Neupane S, Roider J, Alban S, Klettner A (2019): Effects of Fucoidans from Five Different Brown Algae on Oxidative Stress and VEGF Interference in Ocular Cells. Marine Drugs 17(5):258. DOI · Zusammenfassung im Forschungsarchiv
  4. Krinsky NI, Landrum JT, Bone RA (2003): Biologic mechanisms of the protective role of lutein and zeaxanthin in the eye. Annual Review of Nutrition 23:171–201. DOI · Zusammenfassung im Forschungsarchiv
  5. Snodderly DM (1995): Evidence for protection against age-related macular degeneration by carotenoids and antioxidant vitamins. American Journal of Clinical Nutrition 62(6):1448S–1461S. DOI · Zusammenfassung im Forschungsarchiv
  6. Age-Related Eye Disease Study Research Group (2001): A randomized, placebo-controlled, clinical trial of high-dose supplementation with vitamins C and E and beta carotene for age-related cataract and vision loss: AREDS Report No. 9. PubMed · Zusammenfassung im Forschungsarchiv
  7. Europäische Kommission (2012): Verordnung (EU) Nr. 432/2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel. Amtsblatt der Europäischen Union L 136. EUR-Lex
  8. Rauchen, AMD und Glaukom: Wie Nikotin die Augengesundheit belastet. Magazin
  9. Zucker, die süßeste Gefahr für die Augen. Magazin
Michaela Noll
Über die Autorin
Michaela Noll

Gründerin und Geschäftsführerin von Augenakupunktur Noll und EYKÄR. Staatlich geprüfte Heilpraktikerin und Absolventin der Heilpraktikerschule Dr. Jung in Kronberg (Taunus). Zertifizierte Akupunkteurin nach Prof. John Boel.