Über Vitamine für die Netzhaut steht überall dasselbe: eine Liste aus Vitamin A, C und E, dazu Lutein, Zink und Omega-3. Drei Dinge fehlen in diesen Listen fast immer: die Studien, die nichts gefunden haben, die Frage, für wen die positiven Ergebnisse galten, und die Möglichkeit, die eigene Versorgung im Blut messen zu lassen. Dieser Artikel geht die Nährstoffe der Reihe nach durch und benennt zu jedem die Datenlage
Welche Vitamine braucht die Netzhaut?
Die Netzhaut hat einen ungewöhnlich hohen Bedarf. Sie verbraucht mehr Energie pro Gramm Gewebe als fast jedes andere Organ, steht dauerhaft unter Licht und erneuert ihre Sehzellen-Außensegmente laufend. Dafür braucht sie Bausteine und Schutzsysteme.
Vitamin A ist der Baustein. Aus ihm entsteht Retinal, der lichtempfindliche Teil des Sehpigments. Ohne Vitamin A funktioniert das Sehen in der Dämmerung nicht. Mayo-Wilson und Kollegen werteten 2011 im BMJ die Studien zur Vitamin-A-Gabe bei Kindern unter fünf Jahren aus und berichteten eine um 24 Prozent geringere Gesamtsterblichkeit; weltweit zählt der Vitamin-A-Mangel zu den führenden vermeidbaren Ursachen für Erblindung. In Deutschland ist ein solcher Mangel selten.
Lutein und Zeaxanthin sind die Filter. Der Körper stellt sie nicht selbst her, reichert sie aber gezielt in der Makula an, dem Punkt des schärfsten Sehens. Dort bilden sie das Makulapigment, das kurzwelliges blaues Licht absorbiert. Krinsky und Kollegen beschrieben 2003 die biologischen Mechanismen dieser Einlagerung.
Vitamin C, Vitamin E, Zink, Kupfer und Selen gehören zum antioxidativen System. Sie tragen dazu bei, Zellen vor oxidativem Stress zu schützen. Snodderly fasste 1995 im American Journal of Clinical Nutrition zusammen, dass niedrige Plasmaspiegel von Carotinoiden und antioxidativen Vitaminen mit einem erhöhten AMD-Risiko einhergehen. Er wies dabei auch darauf hin, dass ein Vitamin-E-Mangel in bestimmten Netzhautregionen mit frühen Krankheitszeichen zusammenfiel.
Omega-3-Fettsäuren, genauer DHA, sind Strukturmaterial. DHA stellt rund die Hälfte aller Fettsäuren in den Außensegmenten der Sehzellen. Wang und Daggy beschrieben 2017 zusätzlich die entzündungshemmenden Eigenschaften von EPA und DHA.
Die B-Vitamine B6, B12 und Folsäure spielen eine indirekte Rolle. Sie bauen Homocystein ab, ein Stoffwechselprodukt, das Gefäßwände angreift. Fehlt eines der drei, steigt Homocystein. Betroffen sind davon auch die feinen Gefäße, die Netzhaut und Sehnerv versorgen.
Was die großen Studien tatsächlich ergaben
Die Datenlage ist besser als vermutet und zugleich enger. Die wichtigsten Ergebnisse stammen aus zwei großen amerikanischen Studien.
Die Age-Related Eye Disease Study Research Group berichtete 2001 aus einer randomisierten, placebokontrollierten Studie, dass eine Kombination aus Vitamin C, Vitamin E, Beta-Carotin und Zink bei Menschen mit mittlerem bis hohem Risiko das Risiko für den Übergang in eine fortgeschrittene Makuladegeneration um etwa 25 Prozent senkte. Entscheidend ist die Einschränkung: Der Nutzen zeigte sich bei Teilnehmern mit umfangreichen Drusen oder mit fortgeschrittener AMD auf einem Auge. Für Menschen ohne diese Vorbefunde ergab sich kein solcher Effekt.
Dieselbe Studiengruppe veröffentlichte im selben Jahr einen zweiten Bericht, diesmal zum Grauen Star. Nach durchschnittlich 6,3 Jahren fand sie keinen statistisch signifikanten Effekt derselben Antioxidantien auf die Linsentrübung. Dieses Ergebnis wird selten zitiert, gehört aber zum Bild.
Die Nachfolgestudie AREDS2 prüfte 2013, ob Lutein, Zeaxanthin und Omega-3-Fettsäuren die ursprüngliche Zusammensetzung verbessern. Das Ergebnis war kein signifikanter Zusatznutzen für die Gesamtgruppe. Eine Sekundäranalyse ergab allerdings, dass Lutein und Zeaxanthin das Beta-Carotin ersetzen konnten, das bei ehemaligen Rauchern mit einem erhöhten Lungenkrebsrisiko einherging. Genau deshalb enthalten heutige Präparate kein Beta-Carotin mehr.
Chew und Kollegen werteten 2022 dieselbe Gruppe über zehn Jahre aus. Dabei zeigte sich für Lutein und Zeaxanthin ein anhaltender Zusammenhang mit einem langsameren Krankheitsverlauf, für Omega-3-Fettsäuren weiterhin keiner.
Auf funktioneller Ebene wurde es konkreter. Ma und Kollegen berichteten 2012 aus einer randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studie mit 108 Teilnehmenden mit früher AMD, dass 48 Wochen Lutein oder Lutein plus Zeaxanthin die elektrische Aktivität der zentralen Netzhaut messbar veränderten. Die Verbesserung der Amplituden im multifokalen Elektroretinogramm stieg parallel zur Dichte des Makulapigments.
Bei den B-Vitaminen ist die Quellenlage überraschend. Glaser und Kollegen untersuchten 2015 im AREDS-Kollektiv den Zusammenhang zwischen Ernährung und Linsentrübung. Sie fanden für Riboflavin und Vitamin B12 ein geringeres Risiko für nukleare und kortikale Trübungen, für Lutein und Zeaxanthin dagegen keinen Zusammenhang mit Katarakt. Bei den Carotinoiden trennen sich Makula und Linse also.
Was in der EU über Vitamine für die Augen gesagt werden darf
Hier liegt der auffälligste Widerspruch des Themas. Welche gesundheitsbezogene Aussage über einen Nährstoff erlaubt ist, regelt in der EU die Verordnung (EU) Nr. 432/2012 mit einer abschließenden Liste.
Die Angabe „trägt zur Erhaltung normaler Sehkraft bei" ist darin für genau vier Stoffe zugelassen: Vitamin A, Riboflavin (Vitamin B2), Zink und DHA. Bei DHA gilt die Auflage, über die tägliche Aufnahme von 250 Milligramm zu informieren.
Vitamin C, Vitamin E, Kupfer, Mangan und Selen tragen die Angabe, dass sie dazu beitragen, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen. Ein Augenbezug steht dort nicht.
Lutein und Zeaxanthin kommen im gesamten Verordnungstext nicht vor. Die beiden am besten untersuchten Carotinoide der Netzhaut haben keinen zugelassenen Health Claim. Das ist kein Urteil über ihre Wirkung, sondern über die Beweislage, die die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit angelegt hat. Wer eine Werbeaussage liest, sollte diesen Unterschied kennen.
Eine gesunde Ernährung kann eine Makuladegeneration nicht heilen, aber ihren Verlauf positiv beeinflussen.
Wie sich die eigene Versorgung messen lässt
Der praktischste Teil fehlt in den meisten Ratgebern: Man muss die Versorgung nicht schätzen. Mehrere der genannten Nährstoffe lassen sich im Blut bestimmen. Die folgenden Zielbereiche stammen aus einer Checkliste für Patientinnen und Patienten.
Drei Hinweise aus derselben Quelle sind im Alltag wichtig. Homocystein steht selten im Standard-Blutbild und muss gezielt angefordert werden. Magnesium sitzt zu 99 Prozent in den Zellen, ein normaler Blutwert schließt einen Mangel deshalb nicht aus. Und wer Cholesterinsenker einnimmt, sollte Vitamin D und Coenzym Q10 im Blick behalten, weil Statine beide als Nebeneffekt senken können.
Beim Eisen gilt eine Besonderheit. Zu wenig führt zu schlechterer Sauerstoffversorgung, zu viel ist noch ungünstiger: Überschüssiges Eisen reagiert im Gewebe zu aggressiven freien Radikalen. Bei Eisen ist mehr also nicht besser.
Woher die Nährstoffe in der Ernährung kommen
Lutein und Zeaxanthin stecken vor allem in dunkelgrünem Blattgemüse. Eine Zusammenstellung aus der Praxis nennt folgende Gehalte, jeweils pro 100 Gramm: Grünkohl 21,9 Milligramm, Spinat 10 Milligramm, Brokkoli 1,9 Milligramm, Blattsalat 1,8 Milligramm, Erbsen 1,7 Milligramm und Rosenkohl 1,3 Milligramm. Der Abstand zwischen Grünkohl und Brokkoli ist damit größer als der Faktor zehn.
Der bekannte Spruch von den Karotten stimmt nur halb. Karotten enthalten Beta-Carotin, eine Vorstufe von Vitamin A, aber deutlich weniger relevante Mengen als die dunklen Gemüsesorten. Die Praxis-Zusammenstellung rechnet vor, dass ein Mensch dafür etwa ein Kilogramm Karotten täglich essen müsste.
DHA und EPA kommen aus fettem Seefisch, also Lachs, Hering und Makrele, sowie aus Algenöl. Leinsamen und Walnüsse liefern die pflanzliche Vorstufe ALA, die der Körper nur zu einem kleinen Teil in DHA umwandelt. Zink steckt in Fleisch, Käse, Haferflocken und Kürbiskernen, Vitamin E in Pflanzenölen und Nüssen, Vitamin C in Paprika, Kohl und Beerenobst.
Zum Zusammenspiel von Ernährung und Nahrungsergänzung gibt es einen eigenen Artikel über Ernährung und Nahrungsergänzung bei Makuladegeneration und Glaukom.
Wann eine Ergänzung überhaupt infrage kommt
Zu dieser Frage gibt es eine deutsche Position. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft, die Retinologische Gesellschaft und der Berufsverband der Augenärzte veröffentlichten 2014 eine gemeinsame Stellungnahme zu Nahrungsergänzungsmitteln bei AMD. Darin empfehlen sie eine Ergänzung nur für Betroffene der AREDS-Kategorien 3 und 4, also für fortgeschrittene Stadien. Für frühe Formen und für Menschen ohne Befund sehen sie keine nachgewiesene Wirksamkeit.
Diese Einordnung deckt sich mit den Studien. Der Effekt in AREDS zeigte sich in einer klar abgegrenzten Risikogruppe, nicht allgemein. Wer wissen will, ob er dazugehört, braucht eine augenärztliche Untersuchung, keine Nährstoffliste.
Praktisch bleiben zwei Punkte. Zink gehört immer mit Kupfer zusammen, sonst kann über die Zeit ein Kupfermangel entstehen. Und sehr hohe Einzeldosen sind nicht harmlos: Vitamin B6 kann in Mengen über 50 Milligramm täglich über längere Zeit die Nerven schädigen.
Häufige Fragen
Welche Vitamine sind für die Netzhaut am wichtigsten?
Nach der EU-Verordnung 432/2012 dürfen nur Vitamin A, Riboflavin, Zink und die Omega-3-Fettsäure DHA mit der Erhaltung normaler Sehkraft in Verbindung gebracht werden. Lutein und Zeaxanthin sind zwar am besten untersucht, tragen aber keinen zugelassenen Claim.
Kann ich meinen Bedarf über die Ernährung decken?
Für Lutein und Zeaxanthin ist das über dunkelgrünes Blattgemüse gut möglich, Grünkohl liefert 21,9 Milligramm pro 100 Gramm. Beim Omega-3-Index liegt der deutsche Durchschnitt mit etwa 5 Prozent unter dem Zielwert von 8 Prozent, hier ist regelmäßiger Seefisch der einfachste Weg.
Welche Blutwerte zeigen meine Versorgung?
Homocystein bündelt die Versorgung mit B6, B12 und Folsäure in einem Wert. Der Omega-3-Index zeigt den Durchschnitt der letzten Monate. Für Vitamin B12 ist Holo-Transcobalamin aussagekräftiger als der übliche Serum-Wert. Homocystein steht selten im Standard-Blutbild und muss gezielt angefordert werden.
Warum enthalten Augenpräparate kein Beta-Carotin mehr?
In der AREDS2-Studie ging Beta-Carotin bei ehemaligen Rauchern mit einem erhöhten Lungenkrebsrisiko einher. Lutein und Zeaxanthin erwiesen sich in der Sekundäranalyse als Alternative, deshalb wurde Beta-Carotin ersetzt.
Ab wann raten Fachgesellschaften zu einer Ergänzung?
Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft, die Retinologische Gesellschaft und der Berufsverband der Augenärzte nennen in ihrer Stellungnahme von 2014 die AREDS-Kategorien 3 und 4. Für frühe Formen und für Menschen ohne Befund sehen sie keine nachgewiesene Wirksamkeit.
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel. EUR-Lex (abgerufen 2026-09-18)
- Age-Related Eye Disease Study Research Group, 2001: A Randomized, Placebo-Controlled, Clinical Trial of High-Dose Supplementation With Vitamins C and E, Beta Carotene, and Zinc for Age-Related Macular Degeneration and Vision Loss (AREDS Report No. 8). Archives of Ophthalmology. Volltext
- Age-Related Eye Disease Study Research Group, 2001: A randomized, placebo-controlled, clinical trial of high-dose supplementation with vitamins C and E and beta carotene for age-related cataract and vision loss (AREDS Report No. 9). Archives of Ophthalmology. PubMed · Zusammenfassung im Forschungsarchiv
- AREDS2 Research Group, 2013: Lutein + Zeaxanthin and Omega-3 Fatty Acids for Age-Related Macular Degeneration. JAMA. Volltext
- Chew EY, Clemons TE, Agrón E et al., 2022: Long-term Outcomes of Adding Lutein/Zeaxanthin and ω-3 Fatty Acids to the AREDS Supplements on Age-Related Macular Degeneration Progression (AREDS2 Report 28). JAMA Ophthalmology. Volltext
- Ma L, Dou HL, Huang YM et al., 2012: Improvement of Retinal Function in Early Age-Related Macular Degeneration After Lutein and Zeaxanthin Supplementation. American Journal of Ophthalmology 154(4):625–634. Volltext
- Glaser TS, Doss LE, Shih G et al., 2015: The Association of Dietary Lutein/Zeaxanthin and B Vitamins with Cataracts in the Age-Related Eye Disease Study (AREDS Report No. 37). Ophthalmology. DOI · Zusammenfassung im Forschungsarchiv
- Snodderly DM, 1995: Evidence for protection against age-related macular degeneration by carotenoids and antioxidant vitamins. American Journal of Clinical Nutrition 62(6):1448S–1461S. DOI
- Mayo-Wilson E, Imdad A, Herzer K et al., 2011: Vitamin A supplements for preventing mortality, illness, and blindness in children aged under 5. BMJ 343:d5094. DOI · Zusammenfassung im Forschungsarchiv
- Wang H, Daggy BP, 2017: The Role of Fish Oil in Inflammatory Eye Diseases. Biomedicine Hub. DOI
- Krinsky NI, Landrum JT, Bone RA, 2003: Biologic mechanisms of the protective role of lutein and zeaxanthin in the eye. Annual Review of Nutrition. Zusammenfassung im Forschungsarchiv
- Göbel AP, Fleckenstein M, Holz FG, Bertram B, Pauleikhoff D, Helbig H, 2014: Stellungnahme der DOG, der Retinologischen Gesellschaft und des BVA zu Nahrungsergänzungsmitteln bei altersabhängiger Makuladegeneration. Zusammenfassung im Forschungsarchiv
- Laborwerte-Checkliste für Patientinnen und Patienten, Stand 2026-05-04, interne Zusammenstellung (Zielbereiche in der Tabelle und die Hinweise zu Homocystein, Magnesium und Statinen).
- Noll M, 2022: Rolle der Vitamine in der Ernährung bei Makuladegeneration (Lutein-Gehalte pro 100 Gramm, Karotten-Vergleich, Zitat).

